Maret Castañeda Duo

Pappelgarten Reutlingen am 11.11.2019

Grégoire Maret, Mundharmonika
Edmar Castañeda, kolumbianische Harfe

Eigenwillige Improvisationen

Harfenist Edmar Castañeda trifft im Pappelgarten auf Mundharmonika-Spieler Grégoire Maret

Da hat Veranstalter Tobias Festl nicht zu viel versprochen: Bei ihrem Duo-Gastspiel am Montagabend im vollen Pappelgarten kreierten der kolumbianisch-stämmige Harfenist Edmar Castañeda und der Schweizer Mundharmonika-Spieler Grégoire Maret ungewöhnliche musikalische Welten.

Viele verbinden die Mundharmonika noch heute mit quietschenden Tönen, mit dumpfen Volksmusikgelagen und melancholischen Heimatabenden. Doch diese unbegründeten Vorurteile hat der in Genf aufgewachsene und seit Jahren in New York lebende Grégoire Maret hinlänglich entkräftet. Mit Hilfe dieses Instruments hat es der Schweizer geschafft, an die Seite der Jazzelite von Jacky Terrasson über Steve Coleman und Herbie Hancock bis zu Pat Metheny zu gelangen. Auch bei seinem Duopartner Edmar Castañeda, auf den er zum ersten Mal 2013 beim Monte Carlo Jazzfestival traf, stehen Größen wie Paquito D’Rivera, John Scofield und Wynton Marsalis in der Vita. Wie Maret lebt der Kolumbianer Castañeda in New York und spielt ebenfalls ein absolutes Außenseiterinstrument im Jazz: eine 30 Jahre alte Harfe mit 32 diatonischen Saiten (Arpa Llanera).

Unkonventionell

Bei ihrem Auftritt im Pappelgarten geben sich die beiden Musiker ähnlich unkonventionell wie das ihre Biografie verspricht. Aus zum Teil bekannten Stücken entwickeln sie kleine Symphonien, interpretieren mal Paco Pastorius, Astor Piazzolla oder auch Charlie Haden und Pat Metheny mit der wunderschönen Ballade „Our Spanish Love Song“. Es gibt nicht viele Musiker im Jazz, momentan neben Castañeda wohl tatsächlich niemanden, dem die Klänge auf der Konzertharfe wie von selbst zu entströmen scheinen, allein aus sich heraus, mal poetisch sanft, mal bedrohlich und schrill. Bemerkenswert an seinem Spiel ist vor allem, wie er sowohl die der Harfe so charakteristischen sanften Zupftöne voll auskostet und im nächsten Augenblick in die rhythmische Lebendigkeit des Jazz förmlich hineinspringt, indem er seine Harfe etwa als Trommel umfunktioniert oder wie einen Kontrabass klingen lässt.

Der Kolumbianer spielt sein Instrument mit einem ganz eigenen emotionsreichen Ton, allerdings ohne sich zu sehr zu verausgaben. Denn das hat er gar nicht nötig. Seine Stärken liegen eher zwischen den Tönen: will heißen, die bloße Andeutung, die halb verschluckten Phrasen bilden den emotionalen Boden für seine eigenwilligen Improvisationen. Eigenkompositionen wechseln mit Jazz- und Latinklassikern und während Castañeda die Saiten in rasendem Tempo zupft und Maret in seine Mundharmonika bläst, entwickelt ihre so flüchtig scheinende, frei mäandernde Kunst ein Eigenleben.

Tradition und Tatendrang vermischen sich auf diese Weise zu einem spannenden Abend, der die gut 100 Besucher mit einer Musik, die Lebensfreude, aber manchmal auch Melancholie atmet, in ein Reich der fließenden Rhythmen und lyrisch tänzelnden Improvisationen entführt.

Jürgen Spieß

Grégoire Maret bei den
32. Internationale Theaterhaus Jazztagen Stuttgart 2019